Über die Autorin
Sandra Abed (rechts) ist eine Reisende durch Kulturen und Länder.
Sie studierte Publizistik, Englisch und Arabisch in Berlin und den USA,
lebte und schrieb in Dubai, Abu Dhabi, London, Oxford und Kairo.
Sandra Abed schreibt Romane für Jugendliche und Erwachsene, Frauen und
Männer – für jeden, der sich auf ein kulturelles Abenteuer einlässt.
Doch Noura hat kaum Zeit ihren Gefühlen für Luca nachzugehen: Ihre Freundinnen fordern Nouras Beistand in Beziehungsfragen, die Nachbarin braucht (nach einem Schicksalsschlag) ihre Hilfe, und dann erhält sie auch noch einen Heiratsantrag von Ahmed.
Nun hat Noura mehr als eine Entscheidung zu treffen …“
Leseprobe… Wir liefen los. Das Café war nur eine Straße weiter. Ihn jetzt
neben mir zu haben, fühlte sich falsch an. An unseren Nachhauseweg hatte
ich mich mittlerweile gewöhnt … wahrscheinlich war der genauso falsch …
aber jetzt, wir beide … allein …
Ich schloss die Augen, setzte einfach einen Fuß vor den anderen!
Ein paar Minuten später waren wir da. Das Piccolo war ein kleines Café
mit Bar, grün-weiße Front, vier Tische mit Stühlen davor. Wahrscheinlich
hatten sie die heute aus der Winterruhe entlassen.
Ich war hier Hunderte Male vorbeigelaufen, aber noch nie drin gewesen.
Ich wusste auch nicht, ob ich da heute wirklich rein wollte. Ich hielt mich hinter Luca, wie auf dem Bürgersteig festgeschweißt.
„Wollen wir draußen sitzen?“ Er drehte sich zu mir um.
Mein erster Gedanke war: NEIN! Der Zweite: Vielleicht fanden uns Astrid
und Christian so schneller. Irgendwie konnte ich gar nicht mehr denken.
„Bitteschön.“ Luca zog einen Bistrostuhl zurück. Die Metallfüße kratzten
auf dem Gehweg. Ich schaute zwischen Luca und dem Stuhl hin und her und
setzte mich schließlich wortlos.
Genauso gut hätte ich hier nackt sitzen können. Mit einem Jungen, mitten auf dem Bürgersteig – allein!
Ich hoffte nur, dass jetzt nicht irgendwer hier vorbeikam, den ich kannte!
Mama oder Baba – oder sogar Amina und ihr Bruder!
Ich holte tief Luft. Mein Herz schlug laut in meiner Brust. Vor Scham
oder vor Aufregung? Noch nie hatte ich solch ein Kribbeln verspürt …
Luca hatte sich mittlerweile neben mich gesetzt. Sein Arm berührte
zufällig meinen. Ich spürte ihn … hatte sogar das Gefühl, ihn riechen zu
können … Ich hörte das Blut durch meinen Körper rauschen.
Jetzt kam die Bedienung auf uns zu. Sie war brünett, die Haare nach
hinten gesteckt. Schwarze Hose weiße Bluse, wahrscheinlich eine
Studentin.
„Was kann ich euch bringen?“ Sie hatte ein wissendes Schmunzeln um die Lippen. Wir schienen sie zu amüsieren.
Luca schaute zu mir herüber. Ich merkte, wie ich rot wurde. Was die sich wohl dachte?
Ich stürzte mich erst mal in die Menükarte. Wild blätterte ich vor und
zurück, ohne wirklich etwas zu lesen. Blöd nur, dass die Karte ganze 4
Seiten hatte.
Luca sprang ein. Ich hörte seine Stimme neben mir: „Einen Latte macchiato bitte.“
„Für mich auch!“, schob ich schnell hinterher.
„Gerne.“ Sie nickte freundlich, doch ihre Mundwinkel zuckten. Unterdrückte sie etwa ein freches Grinsen?
Ich schnappte nach Luft und legte erleichtert die Karte auf den runden Tisch vor mir.
Luca drehte seinen Stuhl ein wenig mehr in meine Richtung. Ich schaute
nicht auf, aber ich spürte, wie seine Augen auf mir ruhten.
„Schmeckt hier natürlich nicht wie beim Italiener, aber na ja …“ Er
zwinkerte mir zu und ich musste ihn einfach anschauen. Seine Augen waren
ganz weich, die schmalen Lippen immer noch zu einem leichten Lächeln
geformt. Er mochte seine eigenen Witze …
Ich räusperte mich: „Fährst du diesen Sommer wieder nach Italien?“
Er nickte. So als gäbe es für ihn gar keine andere Möglichkeit.
„Und du?“
„Bei uns steht die Sommerplanung noch nicht … Aber wahrscheinlich wird es zur Abwechslung Ägypten werden …“ Ich verzog den Mund.
Er lachte, laut und herzlich und so, als ob er genau verstand. Woher wohl?
Ich schaute auf die runde, weiße Tischplatte vor mir. Tausend kleine Kratzer überzogen den Lack.
Luca legte jetzt seinen Arm auf den Tisch. Der dunkelrote Hemdsärmel,
seine großen Hände mit den runden Fingerkuppen genau vor mir. Sie
wirkten etwas knochig, Männerhände eben.
Puh, als würde ich mich damit auskennen?! Wenn möglich, gab ich fremden Männern ja nicht mal die Hand!
Ich presste die Lippen aufeinander. Betrachtete das dunkelbraune
Lederarmband, welches er um sein Handgelenk trug. In schlichten
Buchstaben war dort LUCA eingeprägt …
Ich musste an diese rosanen und hellblauen Armbändchen denken, die man
Babys gleich nach der Geburt ummachte. Lucas Mutter kam mir wieder in
den Sinn …
„Komm doch mit!“
„Was?“ Er hatte mich aus meinen Gedanken gerissen.
„Komm einfach mit nach Italien.“ Sein Blick war ernst. „Es wird
traumhaft! Wir können lange Wanderungen machen und fahren ans Meer …“
Ich schüttelte energisch den Kopf: „Das würden meine Eltern nie
erlauben!“ Erschrocken hielt ich inne. Das war uncool gewesen, sogar
sehr! Außerdem hatte ich ihn richtig angeschrien!
Es schien ihm nichts auszumachen. „Meine Familie dort wird gut auf dich aufpassen!“ Er lächelte verschmitzt.
Ich wandte meinen Blick ab. Es durchfuhr mich heftig.
Ich überlegte, ob ich ins Café rennen, und mich auf der Toilette
verbarrikadieren sollte. Es war eh schon alles zu spät. Sie stand keine
20 Meter vor mir: Tante Hamide. In braunem Mantel und beigem Kopftuch,
rund und kompakt wie immer. Ihre wachen Augen auf mich gerichtet …